Baumschnitt

Vorbedingung eines guten fachgerechten und erfolgreichen Baumschnittes sind gute Kenntnisse der psychologischen und biologischen Voraussetzungen des Baumschnittes.

Beim Baumschnitt muß man auf viele Faktoren Rücksicht nehmen, um dem Baum so wenig wie möglich zu schaden. Bei jedem Schnitt wird das Verhältnis Masse zu Energie des Baumes verändert. Sobald die dynamische Masse des Baumes (Blätter und Teile mit lebenden Zellen) durch den Schnitt so verringert worden ist, daß sie die statische Masse (Holz ohne lebende Zellen) des Baumes nicht mehr mit Energie versorgen kann, kommt es zum Tod des Baumes.

 

Darum darf man an älteren Bäumen auch nicht soviel herumschneiden wie an jüngeren . Der junge Baum besteht fast ganz aus dynamischer Masse fast alle oberirdischen Teile von ihm können an der Energiegewinnung (Photosynthese) teilnehmen. Mit zunehmendem Alter, d. h., mit der Zunahme der statischen Masse sowie des Energieaufwands für die Fortpflanzung usw., wird das einst ausgeglichene Verhältnis immer ungleicher, die dynamische Masse nimmt ab. Deshalb kann es für den Schnitt alter Bäume kein allgemein gültigen Regeln geben. Jeder Baum ist ein anderes Individuum mit eigenen Ansprüchen Zu bedenken ist auch, daß jeder Schnitt Reaktionen von Stamm und Wurzeln auslöst. Nach dem Pflanzen eines Baumes sollte auf keinen Fall in der Krone des Baumes herumgeschnitten werden. Die Neigung entsteht nach der Beschädigung der Wurzeln auch die Krone zu Verringern Doch dies ist falsch, denn die nun eingekürzten Blätter sollen ja schließlich nicht nur für die eingekürzten Wurzeln sondern für den gesamten Baum die erforderliche Energie liefern Man schneide also nicht in der Baumkrone herum, sondern warte ab, ob und welche Zweige gegebenenfalls absterben; diese werden dann abgeschnitten.

 

Wenn dann die Blätter voll ausgebildet sind, wird früh mit dem Erziehungsschnitt begonnen. Dessen Ziel soll es sein, den Grundstock für die gewünschte Endform des Baumes zulegen. Dieses Ziel besteht meist darin, ein kräftiges Grundgerüst zu erziehen. Unerwünschte Verzweigungen sind frühzeitig zu entfernen. Je früher dies geschieht, desto dünner sind die Zweige und Äste und um so eher schließen sich die Wunden, die dem Baum durch den Schnitt zugefügt werden.

Der Schnitt soll Niemals in den Internodien erfolgen, sondern immer nur in Anlehnung an einen Knoten bzw. über den Knospen des Zweiges, Seitenäste nur immer nur an der Basis zum nächst stärkeren Ast. Ein (junger) Leittrieb darf nur Schräg über einem von ihm ausgehenden Ast geschnitten werden, niemals aber waagerecht (senkrecht zur Achse).

Große Bäume zu kappen, den Leittrieb und Starkäste ganz zurückzunehmen, ist Baumfrevel, zumal er meist auch an den Internodien durchgeführt wird. Dadurch wird der gesamte Restbaum in Gefahr gebracht, Wurzeln werden abgeworfen und die Standsicherheit wird gefährdet.

 

Beim Schnitt lebender Äste gibt es keinen Zweifel über den Besten Schnittwinkel . Entscheidend ist der Astkragen, der auf keinen Fall verletzt oder weggeschnitten werden darf, da in ihm die Abwehrkräfte des Baumes gegen Pathogene lokalisiert sind . Wo man ihn schlecht erkennen kann, trägt man den Winkel zwischen der Astrindenleiste und dem Lot des oberen Ende der Astrindenleiste nach der anderen Seite des Lotes an und schneide dort.

Besonders leicht findet man die Schnittlinie für abgestorbene Äste am Rande der Anschwellung des Astkragens. Bei Koniferen sind die Kragen schlecht ausgebildet. Dort wird hart am Stamm entlang geschnitten. Ausfließender Baumsaft, wie er bei manchen Bäumen auftritt (Birke, Nußbaum usw.) schadet den Bäumen kaum, er ist ein natürliches Abwehrmittel zum Verschließen der Gefäße. Um Saftfluss zu vermeiden, sollen solche Bäume erst nach voller Ausbildung ihrer Blätter geschnitten werden.

Da die Baumkrone mit ihren Blättern Produktionsstätte des gesamten Baumes und die Quelle aller Wohlfahrtswirkungen für den Menschen ist, sollte man nur nach eingehenden Überlegung Bäume schneiden. Je mehr und je öfter unüberlegt geschnitten wird desto mehr Wunden entstehen, die den Tausenden von Bakterien und Pilzen Einlaß gewähren. Für die kurzlebigen Obstbäume gelten andere Regeln.

 

Stummelschnitt

Die Verstümmelung, welche vorsieht Platanen und andere Bäume bis auf den Stamm Zurückzusetzen und zu verstümmeln, schadet den Bäumen ungemein. Im Baum bilden die Blätter die Fabrikatsorgane, welche die Produkte Kohlenhydrate, Zucker, Stärke, Holz, Sauerstoff, Kühlung usw. hervorbringen. Schneidet man diese zurück,schadet man dem Baum ungemein. So Können die Wurzeln der Bäume nicht mehr ausreichend mit Assimilaten versorgt werden und sterben ab. Dies hat zur Folge, daß die Bäume noch weniger Wasser und Nährstoffe aufnehmen können und so ihre Substanz stark geschwächt wird. Die Bäume werden aber auch in ihrem oberirdischen Aufbau stark beeinträchtigt. die Schnittstellen ermöglichen Pilzen und Bakterien Einlaß, diese bringen das Holz zum Faulen und beeinträchtigen somit das Standvermögen des Baumes. Bis sich aus den Stammresten nach Jahrzehnten wieder eine ordentliche Krone gebildet hat entfallen außerdem wichtige Eigenschaften des Baumes: Luftkühlung, Luftreinigung, Kohlendioxidverzehr, und Sauerstoffabgabe.

 

Erziehungsschnitt

Beim Erziehungsschnitt an jungen Bäumen wird alles kranke, sterbende und tote Holz entfernt. Sich kreuzende Äste und alle Äste, die gefährlich werden können für das Lichtraumprofil der Verkehrsstrassen und zum Vermeiden übermäßigen Schattens für Wohnhäuser können ebenfalls entfernt werden. Man denke immer daran, daß jede herkömmlich gestutzte Baumkrone nach dem Beschneiden viel heftiger austreibt wie zuvor. Außerdem brechen die neuen Äste viel leichter aus.

 

Auslichtungsschnitt

Müssen große Astpartien zum Reduzieren des Schattens entfernt werden, dann soll ein Auslichtungsscnitt durchgeführt werden. Er besteht darin, daß ein Ast, jeweils ganz bis zur Basis am nächst stärkeren Ast zurückgenommen wird. Dabei schließen sich die Wunden schneller und besser; es entfällt auch das Entstehen von dichten Astquirlen.

Bei einer Auftragserteilung sollte man sich unbedingt einen Nachweis über die Qualifizierung des Anbieters zeigen lassen, um nicht um sein Geld gebracht zu werden. Außerdem ist der Nachweis einer Haftungsversicherung wichtig, denn leider darf sich zur Zeit noch jeder Baumwart nennen, der eine Axt oder Säge besitzt.

Die Durchführung des Schnittes erfolgt in Etappen. Etwa 30cm vor der Schnittstelle wird der zu entfernende Ast eingeschnitten, bis die Säge klemmt. Jetzt erfolgt nicht daneben, aber auswärts des ersten Schnittes der nächste Schnitt von Oben. Bei einem einzigen Schnitt von Oben würde das Gewicht des Astes große Stücke aus der Rinde des Baumes reissen und den Baum schwer verletzen. Der nach dem 2. Schnitt stehengebliebene "Hutfänger darf nicht stehenbleiben, da er Eingang für Pilze und Fäulnis ist. Sämtliche Schnittränder müssen mit der Hippe glatt geschnitten werden .Denn nur so kann eine Schnelle Kallusbildung erfolgen.

 

Das schneiden von Ästen

Das Schneiden von Ästen gehört zu den alltäglichen Aufgaben eines Baumpflegers. Und dennoch sind nach SHIGO falsch geschnittene Äste die Hauptquelle für spätere Ausfaulungen. Oberstes Gesetz sollte sein, vorausschauend und so früh wie möglich zu schneiden.

Nicht die Menge des Schnittgutes ist entscheidend für einen gute Schnitt, es setzt eher eine gute Kenntnis des Baumes in all seinen Bereichen und Lebenslagen voraus. Es erfordert ein reichliches Maß an Überlegungen: Was entfernen, wieviel, wann, wie, wie oft, in welcher Form usw.

 

Fachgerechter Astschnitt

Zwischen Stamm und Ästen entsteht bei den meisten Bäumen eine äußerlich sichtbare Rindenleiste. Diese ist besonders gut bei Birken erkennbar.

Wichtigste Regel für einen fachgerechte Baumschnitt ist es, niemals den Astkragen wegzuschneiden oder zu beschädigen. Dies gilt für lebende sowohl wie für tote Äste.

Für Koniferen gilt: Soll ein Baum gekappt werden, dann darf der Schnitt nicht im rechten Winkel zur entfernenden Spitze durchgeführt werden, sondern außerhalb der Rindenleiste.

 

Stammparalleler Schnitt ( flush cut )- Schnitt auf Astring

Äste sind am Baum befestigt, indem sich zuerst ein Astkragen bildet, der später vom Stammkragen überwachsen wird. Fäulnisverursachende Mikroorganismen verbreiten sich meist nicht über diese in das Holz des Stammes hinein. Tote Zweige werden an dieser Stelle abgestoßen ( Sollbruchstelle ). Wird der Kragen beim Beschneiden verletzt, können die Schädlinge ungehindert eintreten und ihren Schaden anrichten, da die Zone dieser Kragen antimikrobielle Substanzen enthält.

Bereits im Jahre 1756 schrieb BÜCHTIMG, und später 1878 HARTIG, daß diese Kragen besonders der Astkragen, nicht entfernt werden dürfen. SHIGO vertritt in seinen Veröffentlichungen ebenso diese Forderung auf das eindringlichste. Auch andere Baumexperten sind der gleichen Meinung. Trotzdem erlebt man immer wider das Entfernen dieses Astkragens, weil dieser Schnitt einfacher ist und ein sich bildendes Wundholz ( früher Kallus genannt ) an den Schnitträndern als Heilung angesehen wird. Unter Heilung wird allgemein verstanden, daß die verletzten Organe bzw. Zellen einer Wunde an der gleichen Stelle regeneriert oder erneuert werden. Das ist aber bei Bäumen nicht möglich. Diese können nur mit neuen Geweben Wunden verschließen. Die Wunden selbst bleiben beim Aufschneiden des Baumes sichtbar. Der Schnitt ist deshalb so schädlich, weil beim Schnitt der Astkragen entfernt wird, wo der Baum die Abwehrmaßnahmen gegen das Eindringen der Schädlinge bereits vorgebildet hat. Am deutlichsten ist dieser Kragen bei Totästen vorgebildet und erkennbar. Der flush cut führt zu einer erheblichen Vergrößerung der Wunde, bis um das Dreifache gegenüber dem Schnitt auf Astring, besonders bei Bäumen mit ausgeprägten Ast- und Stammkragen. Gleichzeitig greift er in das Holz des Stammes ein und führt dort zu stärkeren Verfärbungen. Dieser Schnitt, ebenso wie zurückgelassene Aststümpfe („Kleiderhaken") gehören zu den größten Verursachern von weiteren Baumproblemen. Auch abgestorbene Flächen unter der Wunde und schlechter Wundholzwuchs gehören zu den Folgen.

 

Schnitt von Zwillingsstämmen

Einer der beiden Stämme sollte so schnell wie möglich entfernt werden. Dabei wird der Schnitt schräg von unten nach oben geführt, und zwar von der waagerechten Projektion des unteren Endes der Stammrindenleiste hin, falls keine eingeschlossene Rinde vorliegt.

Ist die Rindenleiste nach innen gewendet, eingeschlossen, und demzufolge die Verbindung schwach, wird der Stämmling geschnitten, der von dem anderen gewissermaßen umschlossen wird. Mitunter genügt es, diesen Stämmling um ein Drittel zu entlasten. Schließlich kann man auch beide Stämmlinge unter Umständen verkabeln. Beide Stämmlinge sollen jedoch nicht zur gleichen Zeit entfernt werden.

Beim Schnitt von Ästen mit eingeschlossener Rinde muß große Sorgfalt verwandt werden, weil dabei zuviel passieren kann, zumal man dabei oft mit der Spitze der Säge arbeiten muß.

 

Kallus- Wundholz

Unter den Prozessen, die bei einer Baumverletzung beginnen, ist der wohl wichtigste die Bildung von Kallus und Wundholz. Das Kambium beginnt sofort mit der Bildung großer undifferenzierter, d.h. noch nicht spezialisierter Zellen, im Bestreben, die Wunde zu überwachsen. Im Gegensatz zu den Zellen auf seiner Innenseite, die das Xylem bilden, sind diese neuen Kalluszellen auf der Außenseite frei in ihrer Ausformung. Sie sind nicht in feste Grenzen eingebunden wie auf der Xylem-Seite. Erst nach einer gewissen Zeit beginnen sie mit einer Ausformung, d.h. Spezialisierung nach bestimmten Aufgaben. Dabei verholzen sie. So entsteht aus den Kalluszellen das Wundholz, das sich in Form von Rollen oder Wülsten langsam über die Wunde auswächst.

Diese Wundholzbildung wird fälschlich als Heilung bezeichnet, obwohl es damit nicht das Geringste zu tun hat. Eine Baumwunde kann nicht heilen, sondern nur abgeschottet und nach außen von Wundholz überwachsen werden, so daß eine ggf. entstandene Fäulnis zum Stillstand gelangt, aber im Baum, wenn man ihn aufschneidet, immer sichtbar bleibt.

 

Schnittzeiten

Als beste Baumschnittzeit wird das Ende der Winterruhe empfohlen. Die kritischste Zeit ist die Zeit des Blattaustriebes, besonders bei Ulmen und Eichen. Denn zu dieser Zeit nimmt man ja dem Baum einen Teil seiner Energiespeicher fort, derer er beim Blattaustrieb dringend für den Aufbau neuer Blätter bedarf. Erst wenn diese voll ausgebildet sind und das Sonnenlicht in Energie umwandeln können, darf ohne größeren Schaden geschnitten werden, wenn es eben sein muß.

Die Reaktion auf eine Verletzung, einen Schnitt, hängt wesentlich von den Speicherstoffen ab, ihrer Menge und Mobilität, und auch vom Aufbau des Hydrosystems. Im Winter kann keine Abschottung erfolgen, da in der Ruhepause der Bäume die Kohlenhydrate als Stärke eingelagert und deshalb unbeweglich sind. Das Verhalten wurde bei einer Buche untersucht.

"Bei den April-Wunden stirbt weniger Kambium am Wundrand ab, und die Kallusbildung ist stärker als bei den anderen Zeiten. Die Verfärbung ist bei der Dezember-Bohrung um 30% vergrößert, bei der Februar-Bohrung sogar um 100% im Vergleich zu den Verletzungen im Oktober und April."

Das Bluten bei Ahorn, Birke, Nußbaum schadet den Bäumen kaum, da es aufhört, sobald die Gefäße verstopft sind. Bluten gehört zur Abwehr von Krankheitserregern. Auf dem ausströmenden zuckerhaltigen Saft können Hefepilze sich einfinden (Schaumbildung). Hefe bildet sich durch Veratmung von Glucose ohne Sauerstoff (Gärung). Ihr Resultat ist Alkohol. Man darf den Saftaustritt nicht mit dem Austritt von Flüssigkeiten bei Naßholz verwechseln.

Gummifluß ist die Folge von Insektenbefall, die Löcher in das neu gebildete Xylem bohren, und zwar besonders bei gestreßten Bäumen. Er löst keine Probleme aus, sondern zeigt an, daß etwas nicht in Ordnung ist.

 

Formen von Wunden

Zerfetzte Wundränder und verletztes Holz müssen mit einem scharfen Messer glatt geschnitten werden, und zwar entlang dem Verlauf der Wundränder. Die Wunde selbst soll so klein wie möglich gehalten werden. Es ist verkehrt, hierbei die Säge einzusetzen. Bei Bäumen mit dicker Borke kann der Wundrand zerfetzt sein, das Kambium aber nicht. Mit der Säge kann in einem solchen Fall zu leicht das Kambium beschädigt werden.

Eine spitzovale oder -elliptische Formung vergrößert nur die Wunde. Das Wundholz um so geformte Wunden wächst unten nicht ganz zusammen, es verbleiben Spalten, die Mikroorganismen den Zutritt ermöglichen.